FORCED ENTERTAINMENT --- Die Stadt als Bühne - die Bühne als Stadt
Wir beobachten gegenwärtig eine wachsende Diskrepanz zwischen den sachlich-modernen Lebenslogiken unserer Gesellschaft und dem Bedürfnis nach Sinn, nach differenzierter Stilisierung und nach heilen Lebenswelten.
Während sich die wirtschaftliche Performance an die Peripherie verschiebt, versuchen Stadtmanager mit Event- und Lifestyle-Bühnen gegenzusteuern: diese sollen in den Stadtzentren Erlebnisse generieren und Identität schaffen. Weitere Facetten dieser Inszenierung sind beispielsweise die unzähligen Lichtinstallationen und die sich mehrenden Forderungen nach Schlosskulissen. Hinter den Kulissen des Glanzes kommt es zu Ausgrenzungen und es gibt auch Verlierer. Die (Lust an der) Inszenierung durchdringt alle Lebensbereiche, ob im öffentlichen Raum oder im privaten Wohnbereich. Dabei wechseln die Beteiligten ihre Rollen als Akteure und Zuschauer. Von den Lebensstildebatten nicht zu trennen ist das dem Lebensgefühl entsprechende Design als Ausdruck der Persönlichkeit, die Marke als Zugangsberechtigung zu den favorisierten gesellschaftlichen Zirkeln und „peer groups“. Diese Entwicklung wird in der Soziologie als „Erlebnisgesellschaft“ beschrieben und diskutiert. Der klassische Ort, an dem sich die Gesellschaft selbst reflektiert und darstellt, ist - im doppelten Sinne - das Theater: einerseits als Bühne der Selbstdarstellung des Publikums, anderseits als Bühnenschauspiel, in dem durch Inszenierung der Alltag und die Realität erhöht, aber auch verfremdet werden. Auf der Bühne und im Film werden Architektur- und Stadtbilder präsentiert, die auch Interpretationen unserer Lebenswelten sind. „Die Stadt als Bühne“ ist aber nicht nur das Thema der diesjährigen Veranstaltungsreihe: vielmehr nutzen wir diesmal die Stadt als Ansammlung verschiedener Bühnen, denn jede der acht Veranstaltungen spielt an einem anderen Kulturort und dokumentiert somit einen Teil der vielgestaltigen Stadtbühnenlandschaft. Auf dem einstigen Hof der Stadtbibliothek Hannover, heute glasgedecktes Atrium zwischen Alt- und Neubau, soll Platz genommen werden, um in diesem Spannungsfeld zwischen Innen- und Außenwelt einen Vortrag über die Stadt als Event-Raum (Jürgen Hasse) zu hören. Das Raschplatz-Kino – Teil der von Passerellen- und Raschplatzaufwertung bedrohten Mischung aus Kinokultur, Clubs und Diskotheken – ist Spielstätte eines Kurzvortrags über Filmwelten und Leinwandarchitektur (Michael Korb) und des Films Minority Report. Gefühlsmaschinen nennt Karin Wilhelm die Städte, die neben Kommerz auch Poesie und Rituale bieten sollen. Der Vortrag findet in dem zweiseitig verglasten Veranstaltungsbau neben der Laves-Villa und somit am Sitz der Architektenkammer statt – einem Ort, der ein Stück Gefühl für die Ära des (kleinen hannoverschen) Klassizismus vermittelt. Die ehemalige Georg-von-Cölln-Eisenwaren-Halle (das derzeit von der Schließung bedrohte Forum des Landesmuseums) ist der Schauplatz für die schillernden bauherrlichen Selbstinszenierungen, mit denen die Architektengruppe Graft in letzter Zeit in allen Medien präsentiert wird – ihr Entwurf für Brad Pitt’s Wohnhaus macht’s möglich. In der Cumberlandschen Galerie wird die Treppenhausarchitektur zur Bühne. Hier debattieren der Regisseur Igor Bauersima und der Kritiker Till Briegleb über die Schnittstellen von Architektur und Theater. Licht wird immer mehr zur Inszenierung von Architektur und zur Akzentuierung von Stadträumen eingesetzt (Gerhard Auer). Wo könnte dieses Thema besser beleuchtet werden als hinter der roten Lichtfassade des enercity expo Cafés? Die Stadt als inszeniertes Erlebnis (Susanne Hauser)ist am Platz der Weltausstellung und am Eingang des alljährlichen Weihnachtsmarktes im Trafix-Café der ÜSTRA im 2.OG zu hören und zu sehen. Das ehemalige provisorische DeFaKa-Kaufhaus am Raschplatz ist zum unverrückbaren soziokulturellen Highlight der Region Hannover geworden. Im Kulturzentrum Pavillon wird hinter die Kulissen der Konsumkultur (Hartmut Häußermann) geguckt. Wir danken der Landeshauptstadt Hannover - Fachbereich Kultur - für die institutionelle Beihilfe und der Region Hannover für die Projekt-Zuwendung aus Landesmitteln zur regionalen Kulturförderung.